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13. Dezember 2008
Roseto Botanico Carla Fineschi (Cavriglia, Italien)


  Unser Reiseziel für heute ist auf den ersten Blick eher unscheinbar. Es gibt keine Werbung, und die Hinweisschilder an der Straße sind leicht zu übersehen, keine Reisebusse (Gott sei Dank!) und auch kein Besucher-Cafe – es gibt gar nix zu essen und zu trinken, also Proviant mitbringen – nein, die Attraktion ist der Rosengarten, und der ist wahrhaft einzigartig!  
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Vor etwas mehr als fünf Jahren las ich bei der Vorbereitung eines Sommerurlaubs mehr zufällig in einem Reiseführer für die Toskana zum ersten Mal von einem ganz besonderen Rosengarten: dem „Roseto Botanico Carla Fineschi“. In dem Buch stand ein Hinweis auf einen botanischen Rosengarten mit dem verheißungsvollen Namen „Il Mondo delle Rose“ – „Die Welt der Rosen“, und meine Neugier war geweckt. Am Urlaubsort angekommen, versuchte ich unter der angegebenen Telefonnummer mehr Informationen zu bekommen, aber außer dem Piepsen eines Faxgerätes war nichts zu hören. Nach längerem Suchen und mit freundlicher Unterstützung der örtlichen Reiseleitung erhielt ich die richtige Nummer, um dann festzustellen, dass wir zur falschen Zeit am richtigen Ort waren: im August blühen in Italien wegen der Sommerhitze keine Rosen mehr, und der Garten war für Besucher geschlossen.

  So musste ich mich einstweilen mit einem per Internet bestellten bebilderten Katalog der dort gepflanzten Rosensorten begnügen. Dieser entfachte meine Interesse erst so richtig, waren darin doch an die 6.500 (!) Rosensorten gelistet, von denen viele wohl nur noch in diesem Garten überlebt haben. Vor mehr als 40 Jahren hat der mittlerweile 84 Jahre alte Chirurg Prof. Gianfranco Fineschi begonnen, systematisch alle für ihn erhältlichen Rosensorten aufzupflanzen. In dem idyllischen Anwesen am Rand des kleinen Städtchens Cavriglia in der nordöstlichen Toskana entstand so im Lauf der Jahrzehnte eine der größten privaten Rosensammlungen der Welt.
Im Unterschied zu vielen anderen Rosengärten hat Professore Fineschi seine Sammlung nach Züchtern und Entstehungszeiträumen geordnet. So widmet sich ein großer Teil des Gartens der europäischen Rosenzüchtung zwischen 1950 und 1990, und ernsthafte Augenzeugen haben mir berichtet, dass ab und an Abkömmlinge der großen Züchterfamilien hier sind, um ihre - längst verloren geglaubten - eigenen Sorten wiederzufinden.

 

Hier finden sich ebenfalls viele Kletterrosen aus dem 19. und 20 Jahrhundert, darunter eine große Anzahl von Climbern – das sind die kletternden Varianten von Teehybriden und anderen Beetrosen - ihnen scheint das milde Klima in der Chiantiregion besonders zu gefallen. Die meisten sind aus Platzgründen an Stangen hochgebunden, eine Form der Präsentation, die auch aus dem Rosarium Sangerhausen bekannt ist.  
  Es gibt aber auch eine große Anzahl historischer Rosensorten. Hier sind es vor allem die Remontanthybriden und Bourbonrosen, doch man findet genauso Damaszener-, Gallica- und Albarosen in erstaunlicher Vielzahl.
Dieser Garten ist jedoch kein Rosengarten im herkömmlichen Sinne: wer gefällige Schaubeete oder gar gemischte Pflanzungen mit Stauden und Sommerblühern erwartet, wird enttäuscht werden. Und auch eine Gruppierung nach Blühfarben gibt es nicht - Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Farbharmonien müssen sich in der Kunst des selektiven Sehens üben...  
  Doch wer einmal sehen will, wie sich die Rosenzüchtung der Familie Kordes im 20. Jahrhundert gewandelt hat, wird hier fündig und vielleicht wie ich staunend vor einer riesigen ‚Aschermittwoch‘ stehenbleiben:
Oder interessiert sich vielleicht jemand für das Werk von Charles Mallerin? Hier sind seine weitgehend vergessenen Beetrosenzüchtungen zu sehen, aber auch eine meiner absoluten Lieblingsrosen, die herrliche Kletterrose ‚Senegal‘:  
  Aber es gibt noch viel mehr Entdeckungen zu machen wie z. B. die Rosen von Petro Dot aus Spanien, die Züchtungen der Delbard-Familie, von Sam McGredy, von Jean-Jacques Gaujard, oder Ralph Moores Miniaturen und noch vieles mehr. Vielleicht möchte jemand aber auch endlich einmal ein wuchsfreudiges Exemplar der Rose sehen, über die in einschlägigen Foren so viel diskutiert wird, die jedoch kaum jemand erfolgreich in seinem Garten gepflanzt hat – ‚Grey Pearl‘?

Bitte schön, hier ist sie!!
Und so könnte ich noch stundenlang von all den wundervollen Rosen erzählen, die es hier zu entdecken gibt. Bei meinen bisher zwei Besuchen im Roseto (geöffnet von ca. Mitte Mai – Ende Juni) habe ich nur einen Bruchteil der ganzen Sammlung wirklich bewusst betrachten können. Daher möchte ich lieber noch ein paar Fotos zeigen und ansonsten jedem einen Besuch dieses wundervollen Rosengartens nahelegen – solange es ihn noch gibt!

Denn bei meinen Recherchen zu diesem Artikel habe ich erfahren, dass die Hoffnung auf dauerhaften Erhalt dieses Kleinods stark gesunken ist. Der Gedanke, die komplette Sammlung mit dem Garten an eine Stiftung zu übergeben, ist wohl mittlerweile aufgegeben worden, und es gibt ernsthafte Befürchtungen, dass nach dem Tod des Professore niemand Interesse an einer Fortführung und Erhaltung der Sammlung hat. Und so würde die Rosenwelt eine der großartigsten Sammlungen weltweit und damit auch viele Sorten, die es nur noch hier gibt, unwiderruflich verlieren...
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